Aktien und Moral – Ein Paradoxon?

Warum ich finde, dass sich die Investition in ETFs mit meinen moralischen Wertvorstellungen vereinen lassen.

Ist dein Bild von der Börse und Wertpapieren auch mit Spekulation, Abzocke und Geldvernichtung verknüpft? Du hast schon von Brokern gehört, die an der Börse mit Getreide und Mais spekulieren, wodurch Menschen hungern müssen, weil deren Preise für Lebensmittel steigen? Und du hast einen hohen moralischen Anspruch an dich selbst und an dein Handeln? Daher fragst du dich, ob du trotzdem in ETFs, also Aktien, dein Geld vermehren kannst bzw. „darfst“?

Dann geht es dir genau wie es mir ging!

Und deshalb beschäftige ich mich seit vielen Jahren intensiv mit dem Thema, ob und wie sich Investition in Aktien mit einem nachhaltigen Lebensstil unter einen Hut bringen lässt. Meine Bachelor Arbeit hatte den Titel „Verantwortungsvoll investieren – Kriterien nachhaltiger Geldanlage“. Darin hatte ich mich ausgiebig mit dem Thema der sogenannten nachhaltigen Aktien und nachhaltige Fonds auseinandergesetzt. Ich bin dabei auf die ESG Kriterien (Environment, Social, Governance) der Fonds gestoßen und auf die Frage, wie Nestlé oder ExxonMobil in nachhaltigen Fonds vertreten sein können, also in Fonds, die eben diesen Kriterien entsprechen sollen. Das Thema ist etwas komplexer, ich kann aber zusammenfassend sagen, dass es kaum möglich ist, einen Fond bzw. ETF zu finden der nur wirklich nachhaltige Unternehmen enthält – was immer wir unter „wirklich nachhaltig“ verstehen. Wahrscheinlich versteht jeder etwas anderes darunter. Der eine findet es sehr wichtig, dass ein Unternehmen seine Mitarbeiter gut behandelt und fair bezahlt. Ein anderer legt mehr Wert auf Umweltschutz und interessiert sich dafür, ob ein Unternehmen es fördert, dass deren Mitarbeiter mit öffentlichen Verkehrsmitteln oder dem Fahrrad zur Arbeit kommen. Und wieder ein anderer findet es wichtig, dass das Produkt, was ein Unternehmen herstellt und vertreibt, einen nachhaltigen Zweck verfolgt.

Die gute Nachricht ist aber: Es ist garnicht so ein großes Problem, in einen Fonds zu investieren, in dem auch Aktien von nicht 100% nachhaltigen Unternehmen vertreten sind. Das ist zumindest meine Einschätzung. Im Folgenden will ich das begründen:

Das Geld für den Kauf einer Aktie fließt NICHT an das Unternehmen

Ein weit verbreiteter Irrglaube ist, wir würden einem Unternehmen Geld zukommen lassen, wenn wir dessen Aktie(n) kaufen. Das ist schlichtweg falsch. Sogar das Gegenteil ist der Fall, wir bekommen nämlich durch die Dividenden Geld von den Unternehmen, wenn wir Aktien besitzen.

Das Unternehmen hat zum Zeitpunkt des Börsengangs Geld von Aktionären bekommen, danach werden die Aktien auf dem Sekundärmarkt gehandelt. Das Geld fließt also zwischen Käufer und Verkäufer der Aktien. Gewinn oder Verlust durch steigende oder fallende Kurse tragen auch Käufer und Verkäufer. Das Unternehmen, dessen Aktien gehandelt werden, hat nichts davon wenn der Kurs steigt. Beziehungsweise fast nichts, denn wenn man es genau nimmt, kann ein reger Handel von Unternehmensaktien dazu beitragen, dass der Kurs der entsprechenden Aktien stabil bleibt oder steigt. Und das kann sich positiv auf das Image und die Bonität des Unternehmens auswirken.

Die „Unterstützung“ eines Unternehmens durch den Kauf dessen Aktien ist also weniger als marginal. Ich würde mal etwas provokant die Behauptung aufstellen: Wenn du einen Tag im Monat dein Kind mit dem Auto statt mit dem Fahrrad zum Kindergarten bringst, unterstützt du ExxonMobil mehr als wenn du Aktien von Exxon für 1.000 Euro kaufst. Denn vom Aktienkauf bekommt Exxon nichts.

Die wirkliche Unterstützung von großen Unternehmen ist also der Konsum derer Produkte. Wer aber tatsächlich auf Smartphones, Computer, Fleisch, Flüge, Autofahren, Software, Internet-Bestellungen usw. konsequent verzichtet und seinen biologischen Fußabdruck in Perfektion klein halten möchte, für den erscheint es sinnvoll, sein Geld NICHT in Aktien zu investieren, um wirklich das letzte Quäntchen an Perfektion in Sachen Nachhaltigkeit zu erreichen.

Indizes und Aktienkurse ein Abbild unseres Konsumverhaltens

Jeder, der Geld ausgibt ist ein Konsument, der mit seinem Konsumverhalten Unternehmen und Konzepte unterstützt. Das heißt, wer Fleisch isst, unterstützt die Massentierhaltung und damit die Abholzung des Regenwaldes, um Soja für die Tiere anzupflanzen. Wer viel Auto fährt, unterstützt Exxon Mobil und die anderen Ölkonzerne. Wer sich ständig neue Klamotten kauft, unterstützt, dass Kinder in Bangladesh für uns arbeiten. So lässt sich das über Gold, Koltan für unsere Handys und leider so viele traurige Themen fortführen.

Somit ist klar, dass auch die Unternehmen, denen wir Konsumenten Geld und Macht geben und damit Gewinne bescheren, an der Börse erfolgreich sind und in den großen Indizes zu finden sind. Ein ETF bildet also die Unternehmen ab, die wir Konsumenten füttern. Würden alle Menschen mit dem Fahrrad zur Arbeit pendeln, vegan leben und im Unverpackt-Laden einkaufen, wären ganz andere Unternehmen in den ETFs, bzw. die erfolgreichen Unternehmen würden andere Dinge herstellen und verkaufen. Wir sehen also: Die Krux sind nicht die bösen Unternehmen und deren Aktien, sondern leider im Endeffekt wir Konsumenten selbst.

Zinsen können Ungerechtigkeit auslösen, sind aber natürlich

Zum einen sind Zinsen für mich etwas Natives, etwas Grundsätzliches, was sich einfach durch menschliches Handeln ergibt. Ein Beispiel: Ein Tomatenbauer tauscht regelmäßig mit einem Kartoffelbauer die Produkte. Das heißt, die beiden tauschen seit Jahren Kartoffeln gegen Tomaten und haben dafür auch einen “Preis” ausgehandelt. Für eine Tomate möchte der Tomatenbauer fünf Kartoffeln und umgekehrt. Eine Tomate hat also den Wert von fünf Kartoffeln.

In einem Jahr fällt die Ernte des Tomatenbauers knapp aus und er bittet den Kartoffelbauer, ihm 20 Kartoffeln vorzustrecken. Der Tomatenbauer würde die vier Tomaten, die er dafür bezahlen müsste erst nach einer Weile wieder zurück bezahlen. Der Kartoffelbauer möchte für das Risiko, der Tomatenbauer könnte nächtes Saison einfach nicht mehr auftauchen, einen Ausgleich haben. Er bietet den Deal an, der Tomatenbauer muss erst in einem halben Jahr die Tomaten bezahlen, dann aber anstatt der normalerweise vereinbarten vier Tomaten, möchte er für das Vorstrecken der Kartoffeln fünf Tomaten. Der Tomatenbauer willigt ein und somit ist ein Zins von einer Tomate entstanden.

Klar, unser gegenwärtiges Zinssystem hat sich komplexiert. Durch Zinsen und Zinseszinsen bräuchten Menschen mit einem Aktiendepot von 500.000 € kaum noch arbeiten gehen. Darüber hinaus wird aus Geld noch mehr Geld. Diesen Vorteil haben nicht viele und manche Menschen haben nie die Möglichkeit ein großen Aktienvermögen zu bilden. Trotzdem sollten wir diesen riesigen Vorteil für den Vermögensaufbau und unsere Rente unbedingt nutzen. Die Alternative wäre… das Geld aus moralischen Gründen auf dem Konto liegen lassen…?

Wegen moralischen Bedenken das Geld lieber auf dem Girokonto lassen?

Das Geld einfach auf dem Konto liegen lassen klingt vielleicht für so manchen gut. Was passiert dann eigentlich mit meinem Geld? Wenn wir unser Geld bei einer konventionellen Bank liegen haben, arbeitet die Bank mit deinem Geld. Die Bank vergibt Kredite an Unternehmen. Wir haben dabei keine Kontrolle darüber, welche Unternehmen sie mit unserem Geld unterstützen.

Wenn wir es weiter denken, können wir noch die ausgeschütteten Dividenden anschauen. Ein Teil der erwirtschafteten jährlichen Gewinne wird an die Aktionäre ausgeschüttet. Wir können mit diesem Geld wieder konsumieren und wieder eigene Entscheidungen treffen.

Wenn wir genug Geld gespart haben, können wir die Dividenden als passives Einkommen nutzen. Diese finanzielle Freiheit können wir sehr positiv einsetzen.

Wir müssen nicht jeden Tag zur Arbeit gehen, ein Unternehmen mit unserer Arbeitskraft und Kreativität unterstützen. Wir können unseren Leidenschaften nachgehen, Hobbies, Ehrenämtern, Gemeinwohl fördernde Projekte mit gestalten, usw. Das macht in den meisten Fällen wesentlich glücklicher und ist zudem sehr viel sinnvoller als der Job im Büro.

2 Gedanken zu „Aktien und Moral – Ein Paradoxon?“

  1. Pingback: Nachhaltige Geldanlage – Aktien und Moral – InvestmentMama

  2. Hallo!

    Sehr wichtiger Artikel, den man gar nicht genug teilen kann. Auch im privaten Umfeld höre ich oft das alte Märchen, dass Aktien unmoralisch seien. Man würde durch “Nichtstun” Geld bekommen und würde “Andere” für sich arbeiten lassen.

    Die von dir angesprochenen Argumente sind hier sehr gut ausgearbeitet. Auch dass es im Prinzip bei Niedrigzinsen keine Alternativen gibt, sollte Jedem klar sein.

    Und ganz nebenbei: Aktien eines Unternehmens zu kaufen soll schlecht sein, aber gleichzeitig einen 9-to-5-Job in so einem Unternehmen wahrzunehmen soll moralisch einwandfrei sein? Nur weil man dann “selbst” für das unmoralische Unternehmen etwas leistet und niemanden für sich arbeiten lässt? Wennn überhaupt wäre doch eher Letzteres verwerflich oder etwa nicht?

    Liebe Grüße

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.